Seit Jahren schrumpft die Zahl der Apotheken in Deutschland. Laut ABDA gab es Anfang 2024 noch rund 17.200 öffentliche Apotheken, vor zehn Jahren waren es fast 20.500. Die Apothekenreform, die der Gesetzgeber für 2026 plant, soll dieser Entwicklung entgegenwirken und gleichzeitig die Versorgung in ländlichen Regionen sichern. Die Diskussion darüber läuft seit Monaten und betrifft Millionen Versicherte direkt.
Kernpunkte des Reformentwurfs
Der Entwurf aus dem Bundesgesundheitsministerium sieht vor, dass Apotheken künftig unter bestimmten Bedingungen ohne dauerhaft anwesenden Apotheker geöffnet bleiben dürfen. Konkret geht es um sogenannte Zweigapotheken, die von einer Hauptapotheke aus per Videoschaltung betreut werden. Ein pharmazeutisch-technischer Assistent (PTA) soll vor Ort sein, während ein Apotheker digital zugeschaltet ist und Beratung sowie Freigaben übernimmt.
Das klingt nach einer pragmatischen Lösung, wirft aber Fragen auf. Kann eine Videoschalte die persönliche Beratung ersetzen, wenn jemand mehrere Medikamente nimmt und mögliche Wechselwirkungen geprüft werden müssen? Die Bundesärztekammer hat bereits Bedenken geäußert, dass gerade ältere Patienten mit komplexen Therapien auf eine Vor-Ort-Präsenz angewiesen seien.
Was sich beim Notdienst verändert
Ein weiterer Baustein der Reform betrifft den Nacht- und Notdienst. Bislang sind alle Apotheken verpflichtet, sich an einem rotierenden Notdienstplan zu beteiligen. Das belastet kleinere Betriebe erheblich, weil die Kosten nicht vollständig durch die Notdienstpauschale gedeckt werden. Die Reform soll hier Entlastung bringen, indem Notdienste stärker gebündelt und besser vergütet werden.
Für Patienten bedeutet das in der Praxis: Die nächste Notdienstapotheke könnte weiter entfernt sein als heute. Wer um zwei Uhr nachts ein Fiebermittel oder ein Notfallkontrazeptivum braucht, muss gegebenenfalls längere Wege einkalkulieren. Besonders in Flächenlandkreisen in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern oder dem Saarland, wo die Apothekennetze bereits heute dünn sind, verschärft sich dieses Problem.
Wo man offene Apotheken findet
Schon jetzt lässt sich die regionale Versorgungslage gut überblicken: Über https://apotheken-atlas.de können Nutzer Apotheken in ihrer Nähe sowie aktuelle Notdienste auf einer Karte anzeigen lassen, was besonders für Neuzugezogene und bei Reisen hilfreich ist. Mit den geplanten Änderungen dürfte ein solches Werkzeug noch wichtiger werden, weil sich Standorte und Öffnungszeiten häufiger verschieben könnten als bisher.
Telepharmazie: Chance oder Kompromiss?
Der Begriff Telepharmazie taucht im Reformkontext immer wieder auf. Gemeint ist die pharmazeutische Beratung über digitale Kanäle, also Videotelefonie oder strukturierte Chat-Systeme. Das Modell ist in anderen europäischen Ländern, etwa in Norwegen und den Niederlanden, schon länger erprobt. Dort zeigen Studien, dass einfache Anfragen, etwa zu Dosierungen oder Einnahmehinweisen, digital gut bearbeitet werden können.
Komplexere Situationen wie die Prüfung von Polymedikation bei älteren Patienten oder die Beratung bei psychiatrischen Erkrankungen gelten hingegen als schwierig zu digitalisieren. Die Reform sieht hier keine vollständige Verlagerung ins Digitale vor, sondern eine ergänzende Option. Trotzdem bleibt die Frage, wie verbindlich die Präsenzpflicht des Apothekers in der Hauptapotheke während der Videosprechstunden tatsächlich kontrolliert wird.
Auswirkungen auf Rezeptpflichtige Medikamente
Wer verschreibungspflichtige Arzneimittel abholt, ist auf eine vollwertige Apotheke angewiesen. Das E-Rezept, das seit Anfang 2024 verpflichtend für Kassenrezepte gilt, verändert dabei den Ablauf: Statt eines rosa Papierrezepts kommt der Token per Gesundheitskarte oder App. Technisch ist das E-Rezept auch für Versandapotheken einlösbar, aber für Betäubungsmittel, Rezepturen und bestimmte Spezialmedikamente bleibt die Vor-Ort-Apotheke weiterhin die einzige Option.
Die Reform plant, die Honorierung für individuelle Rezepturen anzupassen. Bislang klagen viele Apotheken, dass die Herstellung von Individualrezepturen wie Salben, Tropfen oder Kapseln kaum kostendeckend vergütet wird. Eine bessere Vergütung könnte dazu beitragen, dass mehr Apotheken diesen Service aufrechterhalten und nicht an günstigere Anbieter im Ausland verdrängt werden.
Was Patienten konkret tun können
Unabhängig vom parlamentarischen Verlauf der Reform lohnt es sich, die eigene Versorgungssituation zu prüfen. Folgende Punkte sind praktisch relevant:
- Stammapotheke benennen: Wer regelmäßig Medikamente benötigt, sollte eine feste Apotheke wählen, die die Medikationshistorie kennt und Wechselwirkungen besser einschätzen kann.
- Notdienst-Nummern speichern: Die Telefonnummer 22833 (kostenpflichtig) gibt deutschlandweit Auskunft über diensthabende Apotheken.
- E-Rezept-App nutzen: Die offizielle App der Gematik ermöglicht das Einlösen und Verwalten von Rezepten und bereitet auf die kommenden Strukturen vor.
- Medikationsplan anfordern: Patienten mit mehr als drei Dauermedikamenten haben Anspruch auf einen bundeseinheitlichen Medikationsplan, den Arzt und Apotheke gemeinsam führen können.
Zeitplan und offene Fragen
Das Gesetzgebungsverfahren läuft, ein konkreter Beschluss im Bundestag ist für das zweite Halbjahr 2025 angepeilt, damit die neuen Regelungen zum 1. Januar 2026 in Kraft treten können. Ob dieser Zeitplan hält, ist angesichts der politischen Debatte unsicher. Apotheker-, Patienten- und Ärzteverbände fordern noch Nachbesserungen, vor allem beim Personalschlüssel in Zweigapotheken und bei der Haftungsregelung für Beratungsfehler, die per Videoschaltung entstehen.
Informationen zu den rechtlichen Grundlagen des Apothekenwesens finden sich im Apothekengesetz auf gesetze-im-internet.de, das den aktuellen Stand der Vorschriften transparent zugänglich macht. Wer verfolgen möchte, wie sich die Reform entwickelt, sollte die offizielle Kommunikation des Bundesgesundheitsministeriums im Blick behalten, da sich Details bis zur endgültigen Abstimmung noch ändern können.
Die Apothekenreform 2026 ist kein bürokratisches Randthema. Sie entscheidet darüber, ob Menschen in strukturschwachen Regionen weiterhin zuverlässig Medikamente und pharmazeutische Beratung erhalten oder künftig lange Wege und digitale Zwischenlösungen akzeptieren müssen.

