Wer heute durch die eigene Fernbedienung scrollt, stellt fest: Die Auswahl war nie größer, die Orientierung nie schwieriger. Klassische TV-Sender, Mediatheken der Öffentlich-Rechtlichen, internationale Streamingplattformen und immer mehr Nischenanbieter kämpfen um dieselbe knappe Ressource. Die sogenannte Screen Time eines durchschnittlichen deutschen Haushalts liegt laut AGF Videoforschung bei rund 5 Stunden und 40 Minuten täglich, verteilt auf verschiedene Geräte und Quellen. Aber wer bekommt davon wie viel?
Lineares Fernsehen: Noch immer das Rückgrat
Trotz aller Prognosen vom Tod des klassischen Fernsehens hält sich das lineare TV erstaunlich stabil. ARD und ZDF erreichen zusammen noch immer rund 18 Prozent Marktanteil täglich, besonders bei Zuschauern über 50. Das klingt nach Rückgang, ist aber gemessen an der Fragmentierung des Marktes eine beachtliche Leistung. RTL und Sat.1 verlieren dagegen weiter. RTL liegt 2025 bei etwa 7,5 Prozent Tagesreichweite, Sat.1 noch darunter.
Entscheidend ist aber nicht nur der reine Marktanteil, sondern die Nutzungsintensität. Wer ARD schaut, schaut im Schnitt länger als jemand, der kurz bei ProSieben vorbeischaut. Das erklärt, warum die Öffentlich-Rechtlichen trotz sinkender Quoten beim Werbedruck der Privaten noch mithalten können. Sie haben ihr Publikum fester gebunden.
Private Senderfamilien: Konsolidierung und Strategiewechsel
Der private Rundfunk in Deutschland ist längst nicht so zersplittert, wie es auf den ersten Blick scheint. Hinter RTL, ntv, VOX und einer Reihe weiterer Sender steckt eine gemeinsame Eigentümerstruktur. Wer wissen will, Wer gehört zu RTL?, dem wird schnell klar, dass die Bertelsmann-Gruppe den Großteil des kommerziellen Free-TV-Marktes in Deutschland kontrolliert. Ähnliches gilt für die ProSiebenSat.1-Gruppe mit Sat.1, ProSieben, Kabel eins und sixx.
Beide Konzerne verfolgen seit 2024 verstärkt die Strategie, lineare Sender mit eigenen Streamingplattformen zu verbinden. RTL+ hat seine Abonnentenzahl auf rund 5 Millionen gesteigert, Joyn (ehemals Joyn++) wurde nach der Fusion mit ProSiebenSat.1 neu positioniert und setzt auf werbefinanziertes Streaming ohne Abo. Das Modell heißt FAST (Free Ad-Supported Streaming TV) und gewinnt in Deutschland deutlich an Bedeutung.
Streaming: Marktführer und überraschende Verlierer
Netflix bleibt in Deutschland der meistgenutzte kostenpflichtige Streamingdienst. Rund 17 Millionen Haushalte haben Zugang zu einem Netflix-Account, wobei nach der Abschaffung des Account-Sharings ein Teil davon über geteilte Zugänge läuft. Amazon Prime Video folgt auf Platz zwei, profitiert aber vor allem davon, dass viele Nutzer das Videopaket als Nebenprodukt ihrer Prime-Mitgliedschaft mitnehmen.
Die Überraschungen kommen von zwei Seiten. Disney+ hat nach einer Wachstumsschwäche mit dem Zusammenführen von Star-Content und Live-Sportrechten Boden gutgemacht. Gleichzeitig stagniert Apple TV+ bei einem Marktanteil um die 4 Prozent, obwohl die Eigenproduktionen wie „Severance“ oder „The Morning Show“ regelmäßig für Aufmerksamkeit sorgen. Der Dienst ist zu stark auf Exklusivinhalte angewiesen und bietet kaum Bibliothekstiefe.
| Dienst | Haushaltsreichweite (DE, 2025) | Modell |
|---|---|---|
| Netflix | ca. 17 Mio. | Abo + werbefinanzierte Stufe |
| Amazon Prime Video | ca. 14 Mio. | Abo (Bundle) |
| Disney+ | ca. 8 Mio. | Abo |
| RTL+ | ca. 5 Mio. | Abo + Free-Tier |
| Apple TV+ | ca. 3 Mio. | Abo |
Mediatheken: Der unterschätzte Faktor
ARD- und ZDF-Mediathek werden in Nutzungsumfragen chronisch unterschätzt, weil viele Befragte sie nicht als eigenständige Plattform wahrnehmen. Dabei zählt die ARD-Mediathek monatlich rund 30 Millionen Visits, die ZDF-Mediathek kommt auf ähnliche Werte. Besonders stark sind beide bei Dokumentationen, Serien wie „Tatort“ und Nachrichteninhalten. Der entscheidende Vorteil: keine zusätzlichen Kosten für GEZ-Zahler.
Das sorgt für eine stille Nutzungsverschiebung. Wer früher um 20:15 Uhr vor dem Fernseher saß, schaut dieselbe Sendung heute zwei Tage später auf dem Tablet, während die Kinder schlafen. Die Inhalte sind dieselben, die Nutzungszeit verlagert sich. Das zählt nicht als klassische TV-Quote, fließt aber in die Gesamtreichweite ein.
Wie Haushalte tatsächlich kombinieren
Die Realität in deutschen Haushalten sieht selten nach einem klaren Entweder-oder aus. Laut einer Studie des Digitalverbands Bitkom (2024) nutzen 63 Prozent aller Streaming-Abonnenten gleichzeitig mindestens einen linearen TV-Anschluss, ob über Kabel, Satellit oder IPTV. Vollständig auf klassisches Fernsehen zu verzichten ist bislang eher eine Minderheitenentscheidung, vor allem bei Haushalten mit Kindern unter 14 Jahren.
- Typisches Setup Haushalt mit Kindern: Lineares Kabelfernsehen für Nachrichten und Sport, Netflix für Serien, Disney+ für die Kinder.
- Typisches Setup Singlehaushalt unter 35: Kein TV-Gerät, dafür Netflix, Mediathek und YouTube auf Smart-TV oder Laptop.
- Typisches Setup Haushalt über 60: Satellit als Hauptquelle, ARD-Mediathek als Ergänzung, kein kostenpflichtiger Streamingdienst.
Was sich 2025 verändert hat: Die Bereitschaft, mehrere Abos gleichzeitig zu bezahlen, sinkt. Viele Haushalte rotieren zwischen Diensten, kündigen nach einer Staffel und wechseln. Netflix hat darauf mit dem günstigeren, werbefinanzierten Tarif reagiert, der in Deutschland inzwischen von rund 22 Prozent der Neukunden gewählt wird.
Was 2026 den Markt weiter verändert
Zwei Entwicklungen dürften den Medienkonsum in den nächsten zwölf Monaten weiter verschieben. Erstens: Live-Sport wandert zunehmend hinter Paywalls. DAZN hat die Bundesliga-Rechte ausgebaut, Amazon zeigt Teile der Champions League. Das zwingt sportinteressierte Haushalte zu zusätzlichen Abos oder zur Entscheidung, auf bestimmte Inhalte zu verzichten.
Zweitens wächst der FAST-Markt schneller als erwartet. Plattformen wie Pluto TV oder Joyn, die werbefinanziert und ohne Anmeldung funktionieren, gewinnen vor allem bei preissensiblen Zuschauergruppen. Das könnte den klassischen Free-TV-Sendern mittelfristig mehr Probleme bereiten als Netflix, weil sie dieselbe Zielgruppe ansprechen.
Wer den Medienmarkt 2026 verstehen will, muss aufhören, ihn als Zweikampf zwischen linearem TV und Streaming zu begreifen. Es ist ein Vielkampf, bei dem Gewohnheiten, Haushaltsgröße, Alter und Budget entscheiden, welche Kombination am Ende auf dem Bildschirm landet.

