Seit dem 1. Juli 2021 gibt es in der Europäischen Union keine Freigrenze von 22 Euro mehr für Einfuhrumsatzsteuer. Viele Käufer haben das noch immer nicht vollständig verinnerlicht. Wer heute ein Smartphone-Zubehör für 15 Euro aus Shenzhen oder ein Buch für 19 Dollar aus New York bestellt, muss mit Abgaben rechnen, die den Gesamtpreis spürbar erhöhen können. 2026 hat sich an dieser Grundstruktur nichts geändert, aber die Vollzugspraxis ist straffer geworden, und die Plattformen geben die Kosten inzwischen häufiger weiter.
Die Freigrenze, die noch gilt, und die, die weggefallen ist
Verwechslungen entstehen oft, weil zwei verschiedene Abgaben im Spiel sind: Einfuhrumsatzsteuer und Zoll. Die Einfuhrumsatzsteuer fällt seit 2021 ab dem ersten Cent an, also ohne Freigrenze. Der Zoll hingegen hat weiterhin eine Freigrenze von 150 Euro. Liegt der Warenwert unter 150 Euro, wird kein Zoll erhoben. Liegt er darüber, kommt der jeweilige Zollsatz auf den Warenwert obendrauf.
Das klingt komplizierter als es ist. Ein Beispiel: Jemand bestellt Laufschuhe für 120 Euro aus der Türkei. Es fällt kein Zoll an, weil der Warenwert unter 150 Euro liegt. Aber die Einfuhrumsatzsteuer von 19 Prozent auf 120 Euro ergibt 22,80 Euro. Das Paket kostet also effektiv 142,80 Euro, bevor Versand eingerechnet wird. Bei Schuhen aus dem Nichtpräferenzland USA mit einem Warenwert von 180 Euro sieht es anders aus: Es kommt Zoll hinzu, der je nach Warentyp zwischen 3,7 und 17 Prozent betragen kann, danach wird die Einfuhrumsatzsteuer auf den Gesamtbetrag inklusive Zoll berechnet.
Wie die Berechnung im Detail funktioniert
Die Bemessungsgrundlage für die Einfuhrumsatzsteuer ist nicht nur der Warenwert, sondern der sogenannte Zollwert. Dieser setzt sich zusammen aus dem Kaufpreis der Ware plus den Versandkosten bis zur EU-Außengrenze. Wer also 8 Euro Versand für ein Produkt im Wert von 90 Euro zahlt, hat einen Zollwert von 98 Euro. Die Einfuhrumsatzsteuer von 19 Prozent fällt auf diese 98 Euro an, nicht nur auf die 90 Euro.
Für ermäßigte Waren wie Bücher oder bestimmte Lebensmittel gilt der reduzierte Steuersatz von 7 Prozent. Wer regelmäßig Fachbücher aus dem englischsprachigen Ausland bezieht, zahlt also deutlich weniger als jemand, der Elektronik importiert.
| Warenwert | Zoll (Beispiel 12 %) | EUSt 19 % | Gesamtkosten |
|---|---|---|---|
| 80 Euro | 0 Euro | 15,20 Euro | 95,20 Euro |
| 160 Euro | 19,20 Euro | 34,01 Euro | 213,21 Euro |
| 300 Euro | 36,00 Euro | 63,84 Euro | 399,84 Euro |
Wo man sich offiziell informiert
Die zuständigen Behörden sind die Hauptzollämter, die regional gegliedert sind und für die Verzollung von Paketen aus dem Ausland verantwortlich zeichnen. Wer wissen möchte, welches Amt für seinen Wohnsitz zuständig ist oder wie ein Einspruchsverfahren abläuft, findet auf der Hauptzollamt-Übersicht eine strukturierte Kontaktübersicht aller deutschen Standorte. Bei konkreten Zweifeln über die Einstufung einer Ware lohnt sich der direkte Kontakt, denn falsche Zolltarifnummern können im Nachhinein zu Nachforderungen führen.
Daneben veröffentlicht die Europäische Kommission den TARIC-Datenbankzugang, über den sich Zollsätze für einzelne Warennummern abrufen lassen. Der Einstieg ist für Privatpersonen ungewohnt, aber wer regelmäßig größere Bestellungen aus dem Ausland tätigt, sollte wissen, wie die eigene Ware klassifiziert ist.
Plattformen und die IOSS-Regelung
Seit 2021 können Onlineshops außerhalb der EU die sogenannte Import-One-Stop-Shop-Regelung nutzen. Wenn ein Händler über IOSS registriert ist und die Ware einen Wert unter 150 Euro hat, wird die Umsatzsteuer bereits beim Kauf erhoben und direkt an die zuständigen EU-Behörden abgeführt. Das Paket kommt dann ohne weitere Zollabfertigung beim Empfänger an.
Große Plattformen wie AliExpress, Temu oder Amazon Marketplace nutzen IOSS inzwischen flächendeckend für berechtigte Sendungen. Der Käufer sieht beim Checkout einen Steueranteil ausgewiesen, zahlt ihn dort und muss beim Empfang nichts mehr entrichten. Klingt praktisch, hat aber eine Tücke: Wenn der Händler trotzdem falsch deklariert oder die IOSS-Nummer fehlt, hält der Zoll das Paket an und der Empfänger zahlt ein zweites Mal. Für eine Rückerstattung muss er sich dann an den Händler wenden, was bei Anbietern ohne EU-Präsenz aufwendig sein kann.
Sendungen über 150 Euro: Kein Automatismus mehr
Bei Warenwerten über 150 Euro funktioniert IOSS nicht. Hier ist immer eine vollständige Zollanmeldung erforderlich. Das übernehmen in der Regel Paketdienstleister wie DHL, FedEx oder UPS, die dafür eine Servicepauschale berechnen. DHL erhebt derzeit 6 Euro, andere Anbieter verlangen zwischen 5 und 15 Euro. Diese Gebühr kommt zu den eigentlichen Abgaben hinzu und wird oft übersehen.
Typische Fallen beim Kauf aus China und den USA
Zwei Herkunftsländer sind im deutschen Paketverkehr besonders relevant: China und die USA. Bei Waren chinesischen Ursprungs greifen seit 2024 in mehreren Produktkategorien erhöhte Zollsätze, insbesondere bei Elektrofahrzeugen, Solar-Modulen und bestimmten Stahlprodukten. Für Konsumgüter des alltäglichen Gebrauchs bleibt es bei den regulären TARIC-Sätzen, aber auch dort gibt es je nach Produktklasse erhebliche Unterschiede.
Bei US-Sendungen ist zu beachten, dass die USA kein Präferenzabkommen mit der EU haben. Es gelten die allgemeinen Meistbegünstigungszölle. Für viele Elektronikartikel liegt der Zollsatz bei null, für Bekleidung hingegen bei 12 Prozent. Wer teure Sneaker oder Outdoor-Jacken direkt aus den USA importiert, zahlt entsprechend.
- Unterschätzter Faktor Versandkosten: Sie erhöhen den Zollwert und damit die Bemessungsgrundlage.
- Falschdeklarationen durch Händler: Einige Anbieter geben auf der Zollerklärung einen zu niedrigen Warenwert an. Das ist illegal, und beim Auffliegen haftet rechtlich auch der Empfänger.
- Geschenksendungen: Für Pakete, die tatsächlich als Geschenk zwischen Privatpersonen versendet werden, gilt eine Freigrenze von 45 Euro. Gewerbliche Händler dürfen diese nicht nutzen.
- Mehrere Pakete einer Bestellung: Teilt ein Händler eine Bestellung künstlich auf mehrere Pakete auf, um unter Freigrenzen zu bleiben, kann der Zoll die Sendungen als Einheit werten.
Was 2026 neu zu beobachten ist
Die EU-Kommission diskutiert aktuell eine Absenkung oder vollständige Abschaffung der 150-Euro-Zollfreigrenze. Hintergrund ist der massive Anstieg von Kleinsendungen aus Fernost, der Zollbehörden in ganz Europa an Kapazitätsgrenzen bringt. Eine politische Entscheidung ist für 2025 oder 2026 wahrscheinlich. Wer regelmäßig im Ausland kauft, sollte diese Entwicklung verfolgen, weil sich dadurch die Kostenstruktur für viele Alltagsbestellungen grundlegend verändern würde.
Bis dahin gilt: Vor jeder größeren Bestellung aus einem Nicht-EU-Land lohnt sich eine kurze Kalkulation. Warenwert plus Versand ergibt den Zollwert, darauf kommen je nach Kategorie Zollsatz und Einfuhrumsatzsteuer. Wer das einmal verstanden hat, erlebt keine unangenehmen Überraschungen, wenn das Paket an der Haustür mit einer Nachnahmeforderung wartet.

